WELTHUNGER-INDEX 2010 : Bildung gegen Hunger

10. Oktober 2010 // zwd Berlin (mhh).

Fokus erstmalig auf Mangelernährung von Kleinkindern

Eine richtige und ausreichende Ernährung in den ersten zwei Lebensjahren ist für die Entwicklung eines Kindes entscheidend – die Folgen falscher Ernährung sind irreversibel. Bei der Vorstellung des Welthunger-Index 2010 (WHI), der sich erstmalig auf die Mangelernährung von Kleinkindern konzentriert hat, wies die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, am 11. Oktober in Berlin auf einen „Teufelskreis der Unterernährung“ hin, der auch durch gezielte Bildungsmaßnahmen, konsequente Beratung und Förderung der ländlichen Entwicklung durchbrochen werden müsse.

Anhand von Beispielen aus den im Welthunger-Index gezeigten 122 Entwicklungsländern, wird gezeigt, dass auch das niedrige Bildungsniveau der Familien maßgeblich zu einer falschen Ernährung der Kleinkinder beiträgt und somit neben der Ernährungsunsicherheit und der mangelhaften medizinischen Versorgung ursächlich für Unterernährung und Krankheiten ist. Viele Betroffene wissen nicht, wie sie mit den – oft wenigen – vor Ort zur Verfügung stehenden Lebensmitteln eine möglichst kleinkindgerechte und ausgewogene Ernährung gewährleisten können. So vertritt die Landbevölkerung Malis die traditionelle Überzeugung, dass Säuglinge mit tierischer Milch und nicht mit der Muttermilch ernährt werden sollten. Gleichzeitig werden laut Bericht schon vor dem sechsten Lebensmonat Wasser und ergänzende Nahrungsmittel verabreicht. „Wir wussten nicht, wie man mit den Lebensmitteln, die man bei uns bekommt, angemessene Speisen zubereitet, und haben unserem Kind beim Essen einfach etwas vom Teller der Erwachsenen abgegeben“, bestätigte eine Mutter exemplarisch.

Wichtig: Essgewohnheiten ändern

Die Ernährungsgewohnheiten der Familien zu ändern ist eine große Herausforderung für die EntwicklungshelferInnen vor Ort. Die mangelnde Bildung und insbesondere der Analphabetismus der Mütter erschwert die Beratung und Information. Die Helferinnen und Helfer müssten daher zunächst einmal in ihren Kommunikations- und Vermittlungsfähigkeiten geschult werden, um eine Ernährungsberatung sinnvoll durchführen zu können, heißt es im Bericht der Welthungerhilfe. Diese geschehe dann beispielsweise in Form von Kochvorführungen oder mit Hilfe der Verbreitung von Beratungskarten, in denen Informationen bildlich vermittelt werden.

Das Analphabetentum zu reduzieren sei ein entscheidender Schritt, den Hunger zu bekämpfen, bestätigte auch Dieckmann. Dem Index zufolge konnten von den befragten Müttern unterernährter Kinder in Mali nur 1,4 Prozent lesen und schreiben, 67,9 Prozent besaßen überhaupt keine Schulbildung. „Mütter, die als Kind schlecht ernährt waren, bringen häufig auch untergewichtige Kinder zur Welt“, erläuterte Dieckmann einen weiteren Aspekt der Spätfolgen von Unterernährung.

Appell an die Bundesregierung

Die Präsidentin der Welthungerhilfe appellierte während der Präsentation der Studie außerdem an die Bundesregierung, die Themen ländliche Entwicklung und Ernährungssicherheit in den Mittelpunkt der Entwicklungszusammenarbeit zu stellen. „Kurzfristige außenwirtschaftliche Interessen unseres Landes sollten dahinter zurückstehen", forderte Dieckmann. Deutschland habe eine globale Verantwortung.

Unterernährung bei Kindern unter zwei Jahren stellt eine der größten Herausforderungen im Kampf gegen den Hunger dar, lautete der generelle Befund der Nichtregierungsorganisation. Die mangelhafte Ernährung in den ersten 1.000 Tagen habe lebenslange Auswirkungen auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Betroffenen. In Entwicklungsländern sind dem Bericht nach rund ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren zu klein für ihr Alter und damit unterentwickelt. Über 90 Prozent der Kinder, die Anzeichen für chronische Unterernährung aufweisen, leben in Afrika und Asien. In 29 Ländern ist die Hungersituation ernst oder sogar gravierend. Die Länder mit den schlechtesten Werten liegen überwiegend in Afrika: Die Demokratische Republik Kongo führt das untere Ende der Rangliste an, gefolgt von Burundi, Eritrea und dem Tschad.

Der Welthunger-Index zeigt: Wo umfassende Gesundheitsdienste zur Vorsorge und Ernährungsmaßnahmen für Kinder unter zwei Jahren sowie für deren Mütter während der Schwangerschaft zur Verfügung stehen, kann die Unterernährung der Kinder um 25 bis 36 Prozent gesenkt werden.

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